Schluss mit dem Perfektionismus!

Ich habe keine Zeit. Jedenfalls nie genug für alle kleinen und großen Aufgaben des Lebens. Ich plane eifrig und schreibe diese blöden To-Do-Listen, deren Timings ich dann ständig wieder verschieben.

Ich haben haufenweise Bücher zu den Themen Zeitmanagement, Produktivität und Effektivität gelesen (Gott, bei den Begriffen überkommt mich direkt ein unmittelbares Würgegefühl), um meiner Zeit Herr zu werden. In den Ratgebern etliche Tipps, wie ich mein Leben kalkulierbarer, greifbarer machen und in kleine feine Zeit-Häppchen zerteilen kann wie ein Filetstück.

Da kommen dann Tipps wie: Paleo, Zeitblöcke einplanen, Tages-Wochen-und natürlich Jahresziele setzen. Unproduktives Verhalten abtrainieren, automatische Email verschicken, delegieren, früher aufstehen etc.

Das Blöde ist nur: meine Zeit ist kein Filetstück. Und ich bin kein Roboter.

Außerdem beschleicht mich bei diesem ganzen Tipps immer ein Gefühl der Ohnmacht. Mein Herz fühlt sich eng und schwer an. Denn es erzeugt in mir das Gefühl, dass ich mein Leben komplett durchtakten muss, um so produktiv zu sein, wie es die Gesellschaft gerne hätte.

Die Erwartungshaltung heutzutage ist immens – und kaum zu schaffen. Mann und Frau fühlen sich heute genötigt so viele Rollen und Erwartungshaltungen gleichzeitig zu erfüllen, dass viele unter der Last einfach zusammenbrechen. Nennen wir sie mal Mrs. und Mr. Perfekt.

Die Erwartungshaltung an Mann und Frau

Mrs. Perfekt ist eine selbstständige, karriereorientierte Frau, eine hingebungsvolle Mutter und leidenschaftliche Partnerin. Sie bringt die Kinder in den Kindergarten, geht zu Arbeit, trifft sich auf einen Salat mit der Freundin und geht danach ins Fitnessstudio zur Yogastunde, um die Größe 36 zu halten. Sie räumt die Wohnung auf, spielt mit den Kindern und ist natürlich nie zu müde für guten Sex. Ihre Wohnung könnte aus „Schöner Wohnen“ stammen und sie kann weiße Kleider tragen, ohne sich zu bekleckern. Sie kauft nur gesunde Bio-Nahrung und pädagogisch wertvolles Holzspielzeug.

Mr. Perfekt ist ehrgeizig und hat eine verantwortungsvolle Führungsposition in einem sicheren Konzern inne, natürlich verdient er sehr gut. Er sieht blendend aus und macht mehrmals die Woche Krafttraining, um sein Sixpack zu stählen. Trotzdem hat er immer genug Zeit, um als liebevoller Vater seine Kinder vom Kindergarten abzuholen und mit ihnen zu spielen. Er hört aufmerksam seiner Frau zu, beteiligt sich im Haushalt und ist ein potenter Liebhaber. Er ist stark, aber trotzdem immer verständnisvoll, einfühlsam und humorvoll. Samstag wäscht er das Auto, repariert die Waschmaschine, geht mit seine Frau romantisch essen und tollt Sonntags mit den Kindern im Park herum.

Und im Sommerurlaub läuft das Paar mit den Kindern in der Mitte Hand in Hand lachen am Strand entlang. Natürlich in weißer, luftiger Kleidung. (Ja ich weiß, ich hab es mit weißer Kleidung – aber ernsthaft, wer kann das tragen?)

Ist denn keiner mehr ehrlich?

Natürlich ist das alles überspitzt, aber es trifft den Kern. Das, was heute in die Medien verbreitet wird, ist in einem normalen Leben nicht durchführbar. Wenn ich mir die Beiträge auf Instagram, Facebook und Co. ansehe, werde ich manchmal aggressiv. Ist denn keiner mehr ehrlich? Oder haben etwas alle ihr Leben total auf der Reihe, nur eben ich nicht?

Ich glaube, die meisten verbreiten Lügen „Auch du kannst solch ein Leben führen und erfolgreich sein – dafür musst du nur nach meiner Checkliste vorgehen / meine Produkte kaufen / dich an meine Anweisungen halten“. Es ist eine Verkaufsmache, mehr nicht. Und das schließt den überwiegenden Teil der Motivationsszene mit ein.

Verdammt unperfekt

Ich sage dir mal ehrlich, wie mein Leben aktuell aussieht. Denn ich finde, es gibt viel zu wenig Menschen da draußen, die wirklich natürlich, ehrlich und authentisch sind.

Bereich 1: Beruflicher Erfolg

Status: Ich habe seit 2 Jahren zwei Jobs – plus diesen Blog. Einfach nur Angestellte sein wäre viel einfacher, aber ich möchte niemals Karriere in einem Konzern machen. Mir ist meine Selbstständigkeit und dieser Blog viel wichtiger. Meistens macht mir meine Jobs Spaß – und manchmal eben nicht. Dann zweifle ich, ob ich noch nicht meine ideale „Berufung“ gefunden habe, bei der alles locker-flockig läuft und begeisterte Kunden in Scharen zu mir kommen. Und dann belächel ich meine eigene Naivität. Trotzdem ist es einfach scheiß viel Arbeit! Und manchmal beneide ich die Menschen, die sich mit dem normalen Leben zufrieden geben.

Bereich 2: Partner, Familie und Freunde

Status: Ich habe eine tolle Familie und ein paar kostbare Freunde, die mir alles bedeuten, die ich aber momentan selten sehe. Ich habe seit 12 Jahren eine tolle Beziehung mit meinen Partner, aber an manchen Abenden bin ich einfach zu müde, um ihm richtig zuzuhören. Dann will ich weder reden, noch denken sondern einfach meine Ruhe haben. Ich könnte eine bessere Tochter / Schwester / Freundin / Partnerin sein, aber zu mehr habe ich aktuell manchmal einfach nicht die Zeit oder die Kraft. Trotzdem finde ich, dass mir dieser Punkt gut gelungen ist, denn ich bin für alle Menschen sehr dankbar und finde jede Beziehung kostbar.

Bereich 3: Ernährung und Gesundheit

Status: Das letzte Mal habe ich vor 3 4 5 Monaten richtig Sport gemacht – und ganz ehrlich, das auch nur halbherzig. Ich versuche gesund zu essen und esse dann abends doch ein Eis, einfach, weil es da ist (ich habe übrigens die Theorie, das Eis Kalorien verbrennt, weil es ja auf Körpertemperatur gebraucht werden muss). Eigentlich möchte ich aus Überzeugung kein Fleisch essen, weil ich die Tierhaltung bestialisch finde – aber es ist einfach zu lecker, um immer darauf zu verzichten (hmmm….jetzt ein Baguette mit frischer italienischer Salami….)

Ich wiege ein paar Kilo zu viel und bin wahrscheinlich so beweglich wie ein Stück Treibholz. Eigentlich möchte ich gerne mal Yoga ausprobieren, aber die Chancen stehen extrem hoch, dass ich schon bei der einfachsten Position umplumpsen und/oder einen hysterischen Lachanfall bekommen werden.

Bereich 4: Produktivität

Ich habe eine endlos lange To-Do-Liste, deren Timings ich immer wieder nach hinten schiebe. Sonntags will ich produktiv arbeiten, um dann in Jogginghose auf dem Sofa zu lümmeln und Netflix zu gucken (nur noch 1 Folge…). Ich vergesse die Wäsche in der Waschmaschine und muss sie dann nochmal waschen. Ich benutze nicht jeden Tag Zahnseide. Und wenn ich weiße Kleidung hätte, wäre sie schon längst fleckig. Ich könnte mehr machen: Mehr Kunden akquirieren, mehr Blogbeiträge schreiben, mehr aufräumen etc. Mein ganzes Leben ist optimierungsbedürftig.

Und ständig habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich all das weiß.

Weil es tausende Dinge gibt, die alles andere als perfekt sind. Weil ich eine Vorstellung von der „perfekten Annika“ in meinem Kopf habe, der ich einfach nicht gerecht werden kann. Weil ich schon viel weiter / schöner / sportlicher / erfolgreicher sein könnte, wenn ich nur noch mehr geben würde. Wenn ich nur meine Zeit effektiv einsetzen könnte.

Und manchmal hoffe ich, dass es da draußen irgendeine Geheimwaffe gibt, damit ich mein Leben endlich auf die Reihe bekomme. Wenn alles von A-Z durchgetaktet und geplant ist – schaffe ich es dann vielleicht, meiner Vorstellung näher zu kommen?

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Zwischen Schnellzug und Bummelbahn

Es ist, als rasen wir alle im Schnellzug durch unser Leben. Die Haltestationen: Studium. Großkonzern. Karriere. Geld. Heiraten. Kindern. Traumhaus. Porsche. Sexy Körper. Urlaub. Rente. Ruhestand. Endstation. Gerade an einer Station angekommen geht es direkt weiter zur nächsten.

Als ob unser ganzes Leben eine Checkliste wäre, die wir abhacken müssten.

Und wehe, wir wollen einfach mal aussteigen, um uns auf die Wiese zu setzen, den Wolken zuzusehen und unseren Gedanken nachzuhängen. Dann verpasst man ganz schnell den Anschluss zur nächsten Erfolgs-Station! Andere in deinem Alter sind schon viel weiter und erfolgreicher als du! Verheiratet, fette Karre, Reihenhaus und Kinder. Also husch-husch, ab rein mit dir!

Versteh mich richtig: Auch als Lebensgenießer darfst du richtig Gas geben. Es gibt Phasen, da musst du alles geben, die Arschbacken zusammenkneifen und loslegen! Dich nicht von Ängsten zurückhalten lassen, sondern deinem Instinkt und deiner Leidenschaft folgen. Du darfst dich immer weiteren entwickeln – und das darf auch ruhig mal unbequem, stressig und nervig sein. Dann steig in den Schnellzug und geb Vollgas!

Und dann wiederum gibt es Phasen, in denen du die Bimmelbahn brauchst. Ein paar Gänge runter schalten. Dir genau ansehen, wo du gerade bist, wie schön es dort ist (und ob du überhaupt im richtigen Zug sitzt!).

Du bist genau da, wo du gerade sein solltest!

Mal aussteigen und barfuß über die Wiese laufen. Über das Leben, die Liebe und den Sinn hinter allem philosophieren. Dankbar sein für das, was du alles bereits erreicht hast. Wie viel Freude du bisher erfahren durftest. Kraft tanken für die nächste Fahrt mit dem Schnellzug.

In dieser Phase wird dir klar: Alles ist gut so, wie es gerade ist. Du bist gerade an genau der Stelle in deinem Leben, die richtig ist. Es ist ein wohliges Gefühl, eine Art „Gleichklang“ mit der Welt.

Die Mischung aus beiden Phasen ist es. Nur im Hochgeschwindigkeitszug verpasst du dein Leben. Und wenn du nur im Bummelbahn-Modus herumhängst verpasst du, wozu du eigentlich fähig wärst. Wir brauchen einen Rhythmus in unserem Leben. Es ist wie bei einem Muskel: Um wachsen zu können, brauchst du Phasen, in denen du ihn stark belastest und dann wieder Phasen der Ruhe und Regeneration.

Ich bin also weit davon entfernt, der Vorstellung in meinem Kopf zu entsprechen. Und trotzdem laufe ich immer weiter stur wie ein Esel auf meine großen Etappen zu. Ich halte mich nur an ein paar ganz einfache Vorgehensweisen und habe alle weiteren Zeitmanagement-Tipps aus meinem Leben verbannt.

to do liste

Ziele erreichen und trotzdem das Leben genießen. So gehe ich vor:

 

  1. Etappenziele
    Ich habe ein paar große Etappenziele abgesteckt, die ich – egal was kommen mag – erreichen will. Diese festzulegen war die schwerste Arbeit. Was ist mir in meinem Leben wirklich wichtig? Was gibt mir Kraft, beflügelt mich, macht mich glücklich, lässt mich wachsen? Und zwar komplett unabhängig von der Erwartungshaltung anderer.
  2. Wochenziele
    Ich schreibe mir einmal pro Woche auf, welche Dinge ich diese Woche auf jeden Fall umsetze, um meinen Etappenzielen näher zu kommen. Das können auch nur zwei bis drei Baby-Schritte in die richtige Richtung sein, aber ich möchte jede Woche kontinuierlich daran arbeiten. (Tipp: Baby-Schritte finde ich übrigens prinzipiell für alles ideal! Wenn du wie ich bei Überforderung resigniert in eine Schock-Starre verfällst, teste das mal aus.)
  3. Mini-To-Do
    Ich habe pro Tag eine kurze(!) To-Do Liste mit Aufgaben, die ich auch wirklich an einem Tag erledigt bekomme. Und freu mich dann über das satte Gefühl, wenn ich die Punkte abhacken kann.
  4. Entspannt bleiben
    Ich versuche, mich nicht dafür zu verurteilen, wenn ich einmal etwas nicht erreicht habe. Ich kann nicht alles vorher sehen und manchmal muss man halt improvisieren und an einem anderen Tag mehr Gas geben.
  5. Abwechselnde Phasen
    Ich achte bewusst darauf, in welcher Phase ich mich befinde (also Bummelbahn oder Schnellzug). Das kann die Zeitspanne von einem Tag oder auch mal mehrere Wochen sein. Anhand der aktuellen Phase richte ich meine nächsten Handlungen aus: Jetzt ruhig wieder was Gas geben – oder eben einfach mal langsam machen und den Tag auf der Coach verplempern (Jupiii, Netflix!).
  6. Weniger vergleichen
    Ich versuche, mich nicht zu sehr mit anderen zu vergleichen. Was man draußen sieht, ist eh nur ein Bruchteil des ganzen Menschen. Und die meisten Menschen, die ich bisher kennengelernt habe, hatten ihr Leben genauso viel / wenig im Griff wie ich. Also schön locker bleiben und trotzdem nachhaltig weiter den eigenen Weg gehen!

 

Das alles weißt du im Grunde auch selber, ich verrate dir keine geheimen Tipps. Aber ich bin ein Fan davon, alles so einfach wie möglich zu halten. Letztendlich musst du für dich herausfinden, welches Vorgehen für dich funktioniert. Also nicht blind übernehmen, sondern testen, anpassen und dein eigenes System entwickeln.

Puh, das ist ein echt langer Text geworden! Vielleicht reicht es ja, wenn du dir immer mal wieder etwas klar machst: Gesteh dir endlich ein, dass du die wirklich wichtigen Stationen deines Lebens schon erreichen wirst. Vielleicht nicht perfekt geradlinig im Eiltempo – aber dafür in verschlungenen, kurvigen Pfaden, die einfach extrem viel Spaß machen.

Genieß deinen Tag!

Annika

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7 Gedanken zu „Schluss mit dem Perfektionismus!“

  1. So langsam wird mir etwas klar.
    Erfolg ist nicht das Erreichen von Zielen.
    Erfolg ist ein Lebenstil.
    Ein somit ganz persönliches und individuelles Prozedere.
    (B.E.)
    …..sehr ehrlicher und wunderbarer Text Annika! 🙂

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  2. Sehr schöne Gedanken! Ein Text, der sicher so manchem Menschen besser tun würde, als noch ein Buch á la „in 10 Schritten zum Traumleben“ – diese Idee eines fernen Idealzustands kann lähmen. Natürlich ist alles fließend und man entwickelt sich immer weiter. Aber wenn der Fokus zu stark auf der Zukunft liegt, verpassen wir die Gegenwart. Und das ist der einzige Moment, den wir jemals wirklich haben. Liebe Grüße! Kea

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  3. Wunderbare ehrliche Gedanken…man wollte so einen Menschen kennen lernen und einfach einmal beim Italiener gemütlich mit ihm über Gott und die Welt reden…
    Du machst das gut!

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