Der Genuss der Einsamkeit

Einsamkeit und Stille sind wichtig! Im permanenten Rauschen des Alltags geht unsere innere Stimme verloren. Warum wir Zeit für uns alleine brauchen.

Warum ist Einsamkeit und Stille wichtig, um das Leben genießen zu können? Stellt euch vor, ihr sitzt in einem Café, weil ihr euch mit jemandem treffen wollt. Der Kellner kommt und ihr bestellt euch einen großen Latte Macchiato, während ihr auf die Wanduhr gegenüber blickt. Eure Verabredung müsste eigentlich schon längst da sein – was ist los? Das Handy klingelt, es ist eure Verabredung, die euch aus dringenden Gründen leider kurzfristig absagen muss. Der Kellner kommt und stellt das dampfende Heißgetränk vor euch auf den Tisch.

Und nun? Ihr seht euch um – niemand außer euch im Café ist alleine. Wie fühlt ihr euch in dieser Situation? Für mich persönlich wäre dies früher ein sehr unangenehmer Umstand gewesen. Ich wäre im Internet gesurft, hätte mein Buch aus der Tasche geholt oder telefoniert – alles nur um nicht verloren dazusitzen und ins Leere zu starren!

Stille ist manchmal unerträglich

Die Ursache ist simpel: ich war es einfach nicht gewohnt, mit mir alleine zu sein! Auch zuhause schaltete ich sofort den Fernseher oder das Radio ein (gleich ob ich darauf achtete oder nicht) nur, um die Stille nicht ertragen zu müssen. Und ich weiß, dass es vielen Menschen so geht. Sie tun alles, um die Einsamkeit zu verbannen: Fernsehen, Internet, Social Communities, Telefonate, Alkohol oder Essen erfüllen die Funktion, die innere Leere zu füllen.

Heute muss niemand mehr alleine sein, überall gibt es etliche Ablenkungsmöglichkeiten. Dann kam eine Zeit, in der ich für ein paar Wochen wegen einer OP Zuhause saß – meine Freunde waren auf der Arbeit, im Fernsehen lief nur Müll und irgendwann ist sogar das Internet nicht mehr aufregend genug, um die Langweile zu beseitigen. Ich war einsam – und fühlte mich ziemlich verloren, einsam und abgeschnitten von der Außenwelt.

lake-1030810_1920Die innere Stimme

Manchmal zwingen uns äußere Umstände dazu, dass wir uns wieder mit uns selber beschäftigen. Und das ist auch gut so! Den im permanenten Rauschen des Alltags geht unsere innere Stimme verloren. Je mehr uns das Außen beschäftigt, umso weniger Aufmerksamkeit schenken wir unseren eigenen Bedürfnissen. Ich begann aufzuschreiben was mich beschäftigt, WAS GENAU mir eigentlich Angst machte, wenn ich nur mit mir und meinen Gedanken alleine war. Ich ließ meine innere Stimme zu Wort kommen – auch wenn vieles dabei war, was mir nicht unbedingt gefiel, was ich nicht wahrhaben wollte. Die Stille ließ mich Dinge spüren, die schon die ganze Zeit da waren.

Die wichtigste Beziehung in unserem Leben ist die Beziehung zu uns selbst

Durch diesen Prozess lernte ich eine Menge über mich selbst. Die wichtigste Beziehung in unserem Leben ist die Beziehung zu uns selbst. Darauf baut alles andere in unserem Leben auf: Partnerschaft, Arbeit, Freunde, Familie. Die Stille und Einsamkeit gibt uns die Chance, uns mit uns selber zu „verbinden“ und eine kurze Bestandsaufnahme unseres Inneren zu machen.

Die Leere macht Platz für die wichtigen Fragen!

Mittlerweile genieße ich diese Verabredungen mit mir selbst in vollen Zügen und gebe mein Bestes, mit mir selbst liebevoll umzugehen und mir ein guter Partner zu sein. Die Leere macht Platz für die existenziellen Fragen: Wer bin ich? Was ist mir wichtig? Was beschäftigt mich? Wie fühle ich mich überhaupt? Bin ich auf dem richtigen Weg? Ich muss mich nicht rechtfertigen, ich muss dabei nicht hübsch aussehen oder mich verstellen. Ich sitze gerne in meiner Gammelhose auf dem Balkon, trinke einen Tee und denke einfach in Ruhe nach.

Nicht immer ist dabei alles rosarot. Teilweise ist es schwer, wirklich ehrlich zu sich zu sein und anzuerkennen, was einen tief im Inneren beschäftigt. Doch ich ignoriere diese leisen Stimmen nicht mehr. Die Zeit mit sich selber zu schätzen und Bedürfnisse zu erkennen, ist die wichtigste Voraussetzung, um das Leben bewusst zu genießen. Wer seine innere Stimme zu Wort kommen lässt und diese als Freund und nicht als etwas Bedrohliches wahrnimmt, der lebt mit sich im Einklang. Der weiß, was ihm gut tut und wie er sich genussvolle Situationen schafft.

Je öfter ich dies mache, umso mehr komme ich ins Reine mit mir. Ich erkenne meine Bedürfnisse und schenke mir so immer wieder die Gelegenheit, mein Leben ausgiebig zu genießen. Dadurch tanke ich Kraft und Energie und fühle mich auch wesentliche glücklicher. Und immer öfter kann ich die Bilanz ziehen: Momentan ist alles super so, wie es jetzt ist!

3 Möglichkeiten, wie du wieder den Kontakt zu dir findest:

Für Anfänger:

Gönn dir 1 Stunde in der Woche nur mit dir selbst. Schalte alles ab, was ablenken könnte: Handy, Telefon, Fernseher, Radio, Haustürklingel. Sucht dir einen schönen Platz, nehm dir einen Stift und Zettel mit und notiere alles, was dir durch den Kopf geht. Bewerte und hinterfrage nicht. Und keine Angst: hinterher kannst du gerne alles wieder vernichten. Es geht zunächst nur darum, dass du dir klar darüber wirst, was dich alles beschäftigt.

Alternativ kannst du auch jeden Tag einfach 10 Minuten lang nichts tun. Dich einfach hinsetzen und in dich hinein horchen.

Für Fortgeschrittene:

Nimm dir ein ganzes Wochenende Zeit für dich. Fahr irgendwo hin, wo du schon immer hin wolltest und du dich wohl fühlen wirst. Vielleicht ist es ein Kurztrip in die Toskana? Auch hier gilt: Immer Zettel und Stift parat halten! Gönn dir ein Wochenende ganz nach deinem Tempo, nach deinen Wünschen. Mach nur etwas, wenn es dir wirklich Genuss bereitet. Schreibt auf, was du dir für dein Leben noch wünschst und fang dann SOFORT mit dem 1. Schritt an.

Für Profis:

Ob du wie Hape Kerkeling pilgern gehst, ein paar Wochen in einem Schweigekloster verbringst, wandern gehst oder ein Sabbatjahr machst – ein längere Rückzug aus dem Leben wirkt wie eine Verschnaufpause aus dem hektischem Alltagsleben. Und ist vielleicht eine Gelegenheit, dem Leben eine neue Richtung zu geben.

Welche Erfahrungen hast du mit Einsamkeit?

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6 Gedanken zu “Der Genuss der Einsamkeit”

  1. Hallo Annika,
    ich bin eben auf deinem Blog gelandet. Einen tollen Text hast du hier geschrieben und ich habe mich selbst immer wieder erkannt. Ich konnte früher auch nie alleine sein, aber so langsam wird es besser und ich genieße sogar die ruhigen Zeiten mit mir alleine sehr!
    Liebe Grüße,
    Amelie

  2. Wie wahr. Schon Kinder verlernen ja das Mit-sich-alleine-Sein, das mal Langeweile-Haben. Stattdessen müssen sie schon als Kleinkinder von einem Sport- und Förderkurs zum nächsten gefahren werden. Und später wundern sie sich dann, wenn sie ausbrennen und nichts mit sich anzufangen wissen. Ein Toskana-Kurztrip, ein Sabbatical schön und gut. Das kann sich aber wohl nicht jeder leisten. Stattdessen im Alltag die Fluchten finden – beim Spaziergang, Sport, auf dem Balkon – das ist die große Kunst. Dabei hat man nicht mal mehr im Zug die Muße, einfach aus dem Fenster zu schauen. Selbst hier soll man ja arbeiten (wenn man beruflich unterwegs ist) und „effizient“ die Zeit „nutzen“. Ausschalten, abschalten – das kann ich nur jedem raten! Danke für Deinen wachrüttelnden Text.

    • Hallo Julia, auch dir vielen Dank. Natürlich ist klar, das ein Toskana-Trip etc. nicht ständig machbar ist. Aber ich denke wenn man wirklich möchte, findet man einen Weg, so etwas einmal im Leben zu machen. Aber natürlich sind erstmal die „kleinen“ Ruhepoole im Alltag viel Wichtiger!

  3. „Die innere Stimme geht uns nie verloren“ – wohl aber ist das Rauschen zu laut, und wir können nicht mehr hören … – ich denke für „Anfänger“ kann eine Stunde schon große Herausforderung sein. Ich für mich wähle den Weg der „stillen Meditation“ dies täglich, am besten zu Tagesbeginn – und da können kleine Einheiten – 5 Minuten – durchaus eine wahre Insel der stille und des inneren Dialoges sein.

    DANKE für’s Erinnern. DANKE für die wertvollen Worte.
    Mit einem Herzlicht aus Tirols Bergen, Daniela

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